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2010.04.27
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| Rubrik |
| Politik |
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| Überschrift |
| Entbindung in Fesseln |
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Justizskandal in NRW
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Entbindung in Fesseln
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Unmenschliche
Verhältnisse: In den nordrhein-westfälischen
Frauengefängnissen müssen Schwangere in Hand- und
Fußfesseln entbinden. Eine Praxis, die im
Düsseldorfer Justizministerium nicht bekannt ist, von der aber
Hebammen berichten. Die absurde Begründung: Fluchtgefahr.
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Am 16. April ist Britta
Antes (Name geändert) Mutter geworden. Lars ist ihr drittes
Kind, er kam gesund zur Welt. Britta Antes hofft, dass es ihm gut geht.
Genau weiß sie es nicht. Sie hat Lars nur etwa drei Stunden
lang gesehen. Danach hat man ihn ihr weggenommen. Wenn alles gut geht,
darf sie ab Mai wieder seine Mutter sein.
Britta Antes hat Glück. Die junge Frau sitzt zurzeit wegen
eines Drogendelikts in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Köln.
Als ihr Geburtstermin für den 5. Mai errechnet wurde, zeigten
sich die Behörden gnädig und stellten ihr ab diesem
Tag Haftverschonung in Aussicht. Dann drängte Lars doch
früher auf die Welt, was den Richter nicht sonderlich
beeindruckte. Antes blieb in Haft, Lars kam zu einer fremden Familie
nach Bonn in die Kurzzeitpflege. Immerhin: Mutter und Kind werden "nur"
drei Wochen lang getrennt sein. Andere Häftlinge sehen ihre
Säuglinge erst nach Monaten wieder. Manche auch
überhaupt nicht.
"Das ist, als würde man hilflos ins Weltall geschossen, ohne
jeden Kontakt zur Bodenstation", sagt Ursula Volz von der
Internationalen Studiengemeinschaft für pränatale
Psychologie. "Damit legt man den Grundstein für die
nächste Generation von Straftätern", sagt Julia von
Seiche, die Vorsitzende des Aktionskomitees Kind im Krankenhaus. Volz
und von Seiche gehören zu einer Gruppe von Experten, die sich
jüngst an die FR wandten, weil sie die Verhältnisse
in nordrhein-westfälischen Frauengefängnissen
für unmenschlich halten.
Zu diesen Verhältnissen gehört nach deren Kenntnis
nicht nur die Trennung von Mutter und Kind unmittelbar nach der Geburt.
Zu diesen Verhältnissen gehöre auch, dass Frauen in
Hand- und Fußfesseln zum Gynäkologen gebracht werden
- und im Einzelfall sogar gefesselt entbinden mussten. Eine Praxis, die
im Düsseldorfer Justizministerium "nicht bekannt" ist, von der
aber Hebammen, der Sozialdienst Katholischer Frauen und die
Corneliusstiftung sagen: "Wir wissen, dass es das gegeben hat." |
Entbinden im gefesselten Zustand
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Dass
in den Frauengefängnissen in NRW etwas nicht stimmt, wurde den
Fachleuten erstmals 2008 bewusst. Damals begann die Kölner
Corneliusstiftung, die Kinder suchtkranker Frauen betreut, eine
Kooperation mit der JVA Köln. Eine von der Stiftung
finanzierte Hebamme geht seither in dem Gefängnis ein und aus
- und hörte von den Inhaftierten stets die gleichen
Vorwürfe.
Die Frauen, die zumeist wegen Drogen- oder Diebstahldelikten oder als
Abschiebehäftlinge einsitzen, berichteten von
demütigenden Gängen zum Frauenarzt, wo sie in
Handschellen zwischen anderen Patientinnen im Wartezimmer
saßen. Von Unterleibs-Untersuchungen in Anwesenheit auch
männlicher Beamter, welche die Situation "regelrecht
auskosten". Vom Zwang, sofort nach der Geburt abzustillen und das Kind
nicht mehr zu sehen. Und vom Entbinden im gefesselten Zustand. Die
absurde Begründung: Fluchtgefahr. "Für die Frauen ist
das schrecklich", sagt die Hebamme Silke Mehler, die in Kölner
Knast, dem größten in Nordrhein-Westfalen (NRW),
zurzeit elf Schwangere betreut.
In anderen Bundesländern, etwa in Bayern,
Baden-Württemberg, Hessen und Berlin, wäre eine
derartige Prozedur wohl undenkbar. Anders als dort gibt es in NRW
jedoch keine Mutter-Kind-Einrichtungen im geschlossenen Vollzug. 2003
habe man sich "bewusst" dagegen entschieden, teilte das
Justizministerium nun auf Anfrage mit. Kinder dürften "nicht
durch die Rahmenbedingungen der Justizvollzugsanstalten mitbestraft
werden". Da nimmt man sie ihren Müttern wohl lieber weg.
Zwar konstatieren auch Fachleute, dass sich die NRW-Behörden
im Einzelfall um werdende Mütter im Strafvollzug
bemühen. Sei es durch Haftverschonung, -aufschub oder die
Überweisung nach Fröndenberg, wo die einzige
Mutter-Kind-Einrichtung im offenen Vollzug existiert. Nicht in jedem
Fall gelinge das aber, sagt der Gynäkologe Gerd Eldering, der
im Vorstand der Corneliusstiftung sitzt. Allein in der JVA
Köln gebe es zwei bis drei Fälle pro Jahr, in denen
Frauen und deren Kinder menschenunwürdig behandelt
würden, so Eldering, der sich als Fachmann für sanfte
Geburten bundesweit einen Namen machte. Für ganz NRW
ließen sich die Zahlen nur schätzen. In dem
Bundesland gibt es sieben Justizvollzugsanstalten mit insgesamt rund
1000 inhaftierten Frauen.
Dass darunter solche sind, die mit Hand- und Fußfesseln
ruhiggestellt werden, bestreitet auch das Justizministerium nicht: Es
werde in jedem Einzelfall geprüft, "ob die Voraussetzungen
für eine Fesselung vorliegen". Im Übrigen sei man
auch der Meinung, dass der Kontakt zwischen einer Mutter und ihrem
Neugeborenen "sinnvoll und richtig" sei. Aber das sei eben nicht immer
möglich. |
"Lebenslange Katastrophe"
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Die
Trennung von Mutter und Kind - das entweder in eine Pflegefamilie kommt
oder zur Adoption freigegeben wird - widerspreche "fundamental dem
eigentlichen Haftgedanken", sagt Julia von Seiche. Es gehe um
Läuterung. "Da kann es nicht sein, dass Kinder bestraft
werden, wenn ihre Mütter gestrauchelt sind."
"Auch Frauen in Haft wollen gute Mütter sein", sagt Angelika
Josten, die Vorsitzende des Verbandes der Hebammen in
Nordrhein-Westfalen. Sie frage sich allerdings, wie das funktionieren
solle, wenn Frauen schon in der Schwangerschaft wüssten, dass
ihnen ihr Kind direkt nach der Geburt weggenommen werde. Bernadette
Rüggeberg, Geschäftsführerin von donum
vitae, warnt vor einer "lebenslangen Katastrophe" - für Mutter
und Kind.
Mitte März wurde der Sozialdienst Katholischer Frauen daher
bei der skandalgebeutelten Justizministerin von NRW, Roswitha
Müller-Piepenkötter (CDU), vorstellig. Ihr habe man
detailliert von den skandalösen Verhältnissen
berichtet, sagt Geschäftsführerin Monika Kleine -
auch von den Fesselungen während der Geburt.
Müller-Piepenkötter veranlasste daraufhin sofort eine
"Medieninformation", in der sie versprach, die Situation weiblicher
Gefangener "weiter zu verbessern". Von den Fesseln war in dem
zweiseitigen Schreiben keine Rede.
Außerdem gründete die Ministerin eine Arbeitsgruppe.
Sie hat letzten Freitag zum ersten Mal getagt. Über
Fesselungen sprach man nicht. Das soll erst in der zweiten Sitzung
geschehen. Die ist am 18. Juni - rund sechs Wochen nach der
Landtagswahl. |
| Von
Jörg Schindler |
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siehe auch
Interview mit Amnesty International
siehe
auch Justizskandale |
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